Ich wundere mich nicht, schon lange nicht mehr. Zugegeben, damals habe ich gestaunt, mir die Augen gerieben und vor allem meinen Ohren nicht getraut, als mir das erste Exemplar gewahr wurde.
Ich wundere mich nicht, schon lange nicht mehr. Zugegeben, damals habe ich gestaunt, mir die Augen gerieben und vor allem meinen Ohren nicht getraut, als mir das erste Exemplar gewahr wurde. Der Bildungsbürger ist eigentlich leicht zu erkennen. Er zeigt sich ganz offen, er versteckt sich nicht, ganz im Gegenteil: Er liebt es, gesehen und gehört zu werden. Es ist sozusagen sein USP (unique selling point), er lebt davon, es zeichnet ihn aus – er kann nicht anders, als zu zeigen, was er ist. Und hier beginnt das eigentliche Übel. Das Dilemma mit der Fremd- und Eigenwahrnehmung offenbart sich hier lehrbuchreif: Er schaut gebildet und wissend drein, nicht selten die Brille etwas zu weit vorn auf der Nase platziert, sodass der einstudierte Blick von Zeit zu Zeit über die Brillenränder hinaus gedankenverloren ins Leere blicken kann. Das vermittelt den Eindruck, dass das Gelesene im Hirn sortiert und an die richtige Stelle verstaut wird. Nun, es ist im Grunde auch so, und das ist sogar ein wünschenswerter Zustand. Wenn nicht – und das ist dem Bildungsbürger zumindest nach außen hin wichtig – alles seine Ordnung haben muss. Für das Gehirn des Bildungsbürgers bedeutet das, dass die Schubladen, um die Gedanken einzuordnen, in Druckbuchstaben beschriftet, leicht zu finden und mit Floskeln gefüllt alphabetisch geordnet sind. Es geht eben nicht darum, sich neue Zusammenhänge zu erarbeiten, das alte Wissen mit dem neu Gelesenen zu einer neuen Erkenntnis zu verknüpfen, sondern lediglich darum, zitierfähig zu sein, zu repetieren, wann immer es notwendig ist oder auch nicht. Den Bildungsbürger kann man sogar häufig dabei beobachten, wie er freiwillig und im Selbststudium vertieft die gewünschte Meinung erlernt. Sofort nach dem Öffnen der Tür zum Café springt sein Blick zu dem Ort, wo die Tageszeitungen auf ihn warten. Seine Gesichtszüge werden beinahe kindlich freundlich, wenn er dort seine geliebte und bevorzugte Zeitung entdeckt. Ebenso schnell verfinstert sich seine Mine, wenn die Zeitung vom Vorleser nicht wieder ordentlich zusammengefaltet wurde. Mit hektischem Blick überfliegt er die Überschriften, um sich dann random einem Artikel länger zu widmen. Man sieht ihn dann nicken und manchmal auch den Kopf schütteln, ganz so, wie die Schreiberlinge es gewollt und vorgesehen haben. Die Autoren und die Leser sind ein eingespieltes Team – sie sind sich zumindest einseitig vom Namen her bekannt. Im Gespräch wird dann oft der Autor mit genannt, als ob es den Inhalt automatisch wirkungsvoller und wahrhaftiger macht. Ach ja, Aperol trinkt er auch gern – habt ihr ihn nun erkannt? Manche fragen sich, wie wir die Herausforderungen in der aktuellen Welt wohl bewältigen können, überall Sodom und Gomorrha – Gotham City in Real Life. Wir können es schaffen, aber wir brauchen alle dafür, auch die Bildungsbürger, wenn sie doch endlich anfangen würden, sich zu bilden.
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