Die Nerven liegen blank. Seit 3 Tagen irre ich nun schon durch ein schwedisches Möbelhaus
Die Nerven liegen blank. Seit 3 Tagen irre ich nun schon durch ein schwedisches Möbelhaus – die Mitarbeiter kennen mich mittlerweile schon ganz gut, dennoch ignorieren sie mich wie am ersten Tag. Ob es draußen ein schöner Tag ist, kann ich nicht sagen, es gibt keine Fenster hier. Die Abteilung mit den Wanduhren sagt mir deutlich, dass ich mir bald in der Bettenabteilung mein Nachtlager einrichten kann. Ich schlendere noch mal bei den Lampen vorbei – meine Stimmung pendelt zwischen absoluter Hoffnungslosigkeit und dem sicheren Glauben, den Ausgang zu finden. Doch dann höre ich diese Stimme: „Schatz, kommst du mal?“ Mein Gehirn ist viel zu langsam, um zu kontrollieren, was mein Sprechwerkzeug beginnt zu formulieren und in Bruchteilen von Sekunden meinen Mund verlässt. Also höre ich mich sagen: „Ja, ich bin hier, ich komme gleich.“ Meine Augen verfolgen meine Worte und ich sehe eine Frau, welche etwas verwirrt dreinschaut, weil ein wildfremder Mann antwortet. Unsere Blicke treffen sich, ich zwinkere ihr zu. Sie hält sich die Hand vor den Mund und lacht in diese hinein. Die Hand kann jedoch ihr Lachen nicht verbergen. Ich denke: Hey, gute Frau, das ist die falsche Reihenfolge – du musst dir den Mund zuhalten, wenn du deinen Mann Schatz nennst, und nicht, wenn du lachst. Kurze Zeit hatte ich die Hoffnung, dass mich die Frau mit nach draußen nimmt und mir den Ausgang aus diesem sehr merkwürdigen Gebäude zeigt. Aber ist es nicht noch viel merkwürdiger, dass Millionen von Menschen ihre Liebsten als Schatz bezeichnen? Ich will nicht zu hart mit meinen phantasielosen Mitbürgern ins Gericht gehen und mit etwas gutem Willen kann ich nachvollziehen, dass ein Schatz wohl etwas Besonderes ist, etwas Wertvolles. Aber wie wertvoll ist etwas, was es millionenfach gibt? Der Preis wird fallen, und zwar ins Bodenlose. Eurem Schatz drückt ihr also mit jedem Mal, wenn ihr ihn so ruft, einen Stempel auf – er oder sie ist nicht besonders, es gibt ihn millionenfach – austauschbar – Ramschware – also ganz gewöhnlich. Also, ich habe nichts gegen Kosenamen, im Gegenteil, wenn sie doch genau das zum Ausdruck bringen – nämlich, dass du ganz besonders bist, einzigartig, beschützenswert, kostbar, eine absolute Rarität. Und noch eins: Du musst nicht glauben, wenn du eine Alternative zu Schatz gefunden hast, dass die Arbeit erledigt ist. Nein, dann geht es erst los. Denn du musst von nun an jeden Tag einen neuen Kosenamen für deine Liebste oder deinen Liebsten finden. Das bedeutet: Schaue jeden Tag ganz genau hin, interessiere dich von nun an jeden Tag für ihn, für sie – dann wirst du die Namen finden, welche es wert sind, in einem Möbelhaus laut ausgerufen zu werden.
Mehr aus Alltag