Denken & Kultur
Der Glaube I
Ein Feuilleton über Glauben, Zweifel und eigenständiges Denken
Von Der Levitenleser · 12. Juli 2026
Ich glaube an den Zweifel, habe ich in einem fremden Gespräch aufgeschnappt.
Ich glaube an den Zweifel, habe ich in einem fremden Gespräch aufgeschnappt. Kurz musste ich innehalten – was für ein interessanter Gedanke. Der kleine Satz hat das Potenzial, den Satz „Ich glaube an den Glauben“ abzulösen. Zumal er viel einfacher zu verstehen ist – für mich – nein, für dich. Der Glaube an den Glauben wird wohl für alle Zeit der kleinste gemeinsame Nenner sein – nicht mehr teilbar, einfacher nicht mehr darstellbar, die Essenz von allem, die Basis jeglichen Wissens, das Elixier jeder Begegnung, das eigentliche Sein oder, genauer, das daraus entstehende wahrhaftige Sein. Manchmal überkommt mich so etwas, was man als Panikattacke beschreiben könnte, weil ich Sorge habe, dass mir die rhetorischen Möglichkeiten für alle Zeit fehlen, auszudrücken, was ich mit dem Glauben an den Glauben meine. An alle eifrigen Religiösen da draußen: Der Levitenleser ist kein Mitstreiter – im Gegenteil. Zwar ist der religiöse Glaube mitgemeint, aber er ist nur ein Teil davon, weil er auf dem gleichen Grundsatz beruht. Nämlich darauf, dass jede bewusste Erfahrung voraussetzt, dass ich daran glaube. Es ist, wie es ist – es wird erst wahr, wenn man daran glaubt. Es mag Menschen geben, die auf die Wissenschaft vertrauen. Natürlich geht das, auch wenn die Wissenschaft, wie die Vergangenheit immer wieder eindrücklich gezeigt hat, nur der aktuelle Stand des Irrtums ist. Selbst das ausgeklügeltste wissenschaftliche Experiment setzt den Glauben voraus, dass alles korrekt angeordnet ist. Erst recht lässt sich das Ergebnis nur im Glauben daran feststellen. So weit ist es sicherlich klar und leicht nachzuvollziehen. Im Alltag wird es mit der Beweisführung noch einfacher: Nur weil ich glaube, die meisten Menschen sind Arschlöcher, könnt ihr glauben, dass es nicht so ist. Es ändert aber nichts daran, dass ihr Arschlöcher seid. Wenn der Glaube an den Glauben noch nichts für euch ist, dann fangt doch klein an: „Und glaubt wenigstens an den Zweifel.“
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