Gesellschaft
Die Freundlichkeit II
Gesellschaftssatire über Zeitgeist und menschliches Verhalten
Von Der Levitenleser · 6. September 2026
Zur Abwechslung mal ein anderes Café, aber im Grunde sind die Lokalitäten komplett austauschbar. Es ist überall das Gleiche.
Zur Abwechslung mal ein anderes Café, aber im Grunde sind die Lokalitäten komplett austauschbar. Es ist überall das Gleiche. Ein älterer Mann kommt zum Tresen. Er hat seine leere Espressotasse in den Händen. Sein fragender Blick zur Dame hinter dem Tresen wird erstaunlicherweise wahrgenommen und mit folgendem Satz quittiert: „Stellen Sie die Tasse einfach wieder zurück auf den Tisch.“ Der Mann tut, wie ihm befohlen. Seine erst noch liebevoll schauenden Augen werden starr und er wirkt, wie viele vorerst höfliche Menschen, in sich zurückgezogen. Es ist ungefähr so wie bei einer Weinbergschnecke: Wenn man die „Stielaugen“ berührt, dann ziehen sich diese zurück. Nach einer gewissen Zeit kommen sie dann wieder heraus und bewegen sich neugierig wie zuvor. Es scheint, als hätten nur die unbelehrbaren höflichen Menschen die Fähigkeit, ihre Fühler immer wieder aufs Neue auszustrecken, um unbeirrt höflich zu sein. Viele laufen allerdings mit eingezogenen „Höflichkeitsfühlern“ weiter durch die Welt. Unser älterer Mann wird eventuell das Café nie mehr betreten, aber zumindest wird er seine Kaffeetasse, wie alle anderen auch, einfach stehen lassen. Eigentlich könnte es doch egal sein, sollte es aber nicht. Denn wenn alle „Höflichkeitsfühler“ der Menschen eingezogen sind, dann … ja, was dann? Dann ist es so, wie es heute ist. Also alles im Lot und beim Alten. Geschichte aus. Aber nur mal angenommen, es wäre so gewesen: Ein älterer Mann kommt zum Tresen. Er hat seine leere Espressotasse in den Händen. Sein fragender Blick zur Dame hinter dem Tresen wird mit einem freundlichen Blick wahrgenommen und mit folgendem Satz quittiert: „Das ist aber sehr nett von Ihnen, ganz lieben Dank.“ Der alte Mann würde lächeln und einfach nur sagen: „Gern“, und sich schon auf den nächsten Besuch genau in diesem Café freuen. Er ist nicht die heilige Mutter Teresa, nur weil er eine Tasse zurückgebracht hat. Nein, das ist er nicht – er ist eigennützig bei dieser Angelegenheit, er hat eine freundliche Erwiderung eingepreist. Vielleicht die einzige und wahre Art, wie wir unsere Energien erneuern können. Es könnte so einfach sein. Ich nehme nun meine Espressotasse und gehe zum Tresen.
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