Medien & Sprache
Die Freundlichkeit III
Satire über Medien, Sprache und öffentliche Debatten
Von Der Levitenleser · 2026-09-13
Jedes Abenteuer beginnt an einem Bahnhof, eine Romanze selten...
Jedes Abenteuer beginnt an einem Bahnhof, eine Romanze selten, gar nicht mehr die Liebe zu dem Fortbewegungsmittel, welches auf unerklärliche Weise einfach nicht pünktlich sein kann, obwohl es an die Schienen, die es trägt, gebunden ist. Jedes andere Verkehrsmittel kann den einen oder anderen Abstecher machen, absichtlich oder unabsichtlich – der Zug seit Jahrhunderten eigentlich nicht. Dennoch, es ist noch Zeit, weil zu spät, bevor er bereit ist, seine Gäste in sich aufzunehmen. Üppig ausgestattete Zeitungs- und Zeitschriftenregale ziehen mich an. Kaufen werde ich dort nichts, das habe ich schon vor vielen Jahren so entschieden, aber gucken und träumen, wer wohl dies oder das so einkaufen mag und vor allem lesen. Ich genieße die Melancholie, welche mich ergreift, wenn ich die eine oder andere Zeitschrift in der Hand halte und den Verfall der Kultur allein durch das minderwertige Papier, die maßlose und infantile Werbung und die lustlosen Texte spüre. Ich schwöre, ich wollte es nicht hören, und ich wünschte, ich könnte wie eine Robbe meine Ohren verschließen. „Einmal einlesen und das dann neu?“ Meine Aufmerksamkeit war geweckt – eine leicht gereizte Stimme älteren Semesters. So kratzbürstig können nur bestimmte Frauen sein, wenn ich es bedenke, es können nur Frauen. Diese Frau steht im Herbst 2026 gut geschützt hinter einer Plexiglasscheibe, vor ihr ein Kunde. Schlank und hager – keine schlechte Kleidung – sagen wir so, vielleicht aus der Zeit weit vor Corona. Leidlich gepflegt. Eher zurückhaltend, vorsichtig, nicht auffallen wollend. „Ja“, sagt er knapp – sanft. In der Hoffnung, die Frau vielleicht etwas besänftigen zu können. „Mit Super 6 oder ohne?“ Der Mann sagt wieder „Ja“, noch sanfter als vorher. „Was denn nun?“, schießt es aus der Frau heraus, als hätte sie jemanden auf frischer Tat ertappt. „Wenn Sie mit Super 6 spielen wollen, dann müssen Sie es auch ankreuzen. Also wollen Sie nun mit Super 6 oder nicht?“ „Nein“, sagt er nun noch leiser. „Sind Sie sicher? Dann mache ich jetzt ohne Super 6 weiter.“ Sie murmelte noch etwas in ihren Frauenbart, wahrscheinlich die üblichen Beschimpfungen für die Kunden, aber das konnte ich leider nicht mehr hören – ehrlich gesagt war ich auch froh, dass mein Zug in den Bahnhof einfuhr. Ich möchte so etwas nicht mehr hören. Es tut mir nicht gut. Ich kann auch nicht mehr lachen. Es ist vorbei – die Menschheit ist am Ende.
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