Gleich kommt mein Espresso.
Gleich kommt mein Espresso. Zuvor das immer gleiche Ritual – Tasche abstellen, Schreibwerkzeug auf dem kleinen Tisch vor mir platzieren, die Kopfhörer (die viel zu teuren) aufsetzen und dann den erstbesten Gedanken nehmen und ihn auf 400 Wörter aufblähen. Oh nein, warum ausgerechnet dieser Gedanke – der Espresso ist gekommen, mit ihm eine junge Frau, mutmaßlich hier im Café angestellt. Meine Augen schauen wie gebannt auf die Hände, welche die Tasse mit meinem Espresso halten. Vielmehr sind es nicht die Hände, sondern die Nägel. Warum in Gottes Namen gibt es eine künstliche Nägelindustrie? Warum glauben Frauen, dass es attraktiv sein könnte, buntes Plastik an die Finger zu kleben? Nun ist es ja so, die Oberfläche interessiert mich ja wie bei fast allem nicht, natürlich auch nicht bei Nägeln. Also sehe ich den künstlichen Nagel, welcher meine Espressotasse berührt, und ich kann nicht anders, ich muss unter den Nagel schauen, und siehe da, ich habe noch keinen künstlichen Nagel gesehen, der unten die vermeintliche Ästhetik hält, die er beim Draufschauen von oben versprechen sollte. Nicht, dass es von oben her gesehen jemals ästhetisch sein könnte, aber liebe Frauen, habt ihr eine Ahnung, wie romantisch ein künstlicher Nagel von unten ist? Eine rhetorische Frage, ich hab’s bemerkt. Nun kommt hinzu, dass die Frauen, welche zu solchen künstlichen Fingernägeln gehören, ein zwanghaftes Verlangen haben, sich ca. alle 5 Minuten die Hände mit einer Creme einzureiben. Meist so: Ein Klecks Creme wird erst auf den einen Handrücken gegeben und dann mit der Rückseite der anderen Hand verrieben. Der Rest folgt auch einem beinahe mechanistischen Ablauf. Das Ende ist immer das Gleiche: Es bleibt ein klebriger Rest auf der nun glänzenden Haut übrig und natürlich, wie soll es anders sein, unter den künstlichen Nägeln. Was dann der Cremekleber dort verrichtet, das male ich jetzt nicht weiter aus. Wenn es doch mal eine Zeit gab, wo lange, wohlgemerkt echte Fingernägel beim Mann und dem Weibe Zeichen dafür waren, dass diese wohlhabend waren und keine Tätigkeiten verrichten mussten, bei denen ihre Fingernägel abbrachen. Was soll es dann bedeuten, wenn Frauen sich künstliche Nägel machen lassen, aber sie trotzdem so aussehen, als würden sie damit aus dem Bergwerk kommen? Dann lässt es ja nur einen Schluss zu: Die Frauen mit künstlichen, dreckigen Fingernägeln wollen gar nicht wirklich arbeiten, aber sie müssen es aus irgendwelchen Gründen trotzdem. Die armen Frauen, deshalb haben sie so schlechte Laune, wenn sie arbeiten müssen. Der zweite Espresso kommt, ich versuche nicht hinzuschauen …
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