Ich schlendere durch die Straßen dieser oder jener Stadt. Automatisch und ohne Anstrengung schaue ich dem Treiben – meiner Lieblingsspezies – zu. Menschen, wo man hinschaut.
Ich schlendere durch die Straßen dieser oder jener Stadt. Automatisch und ohne Anstrengung schaue ich dem Treiben – meiner Lieblingsspezies – zu. Menschen, wo man hinschaut. Alle unterschiedlich, aber dennoch so gleich, dass es beinahe erschreckend ist. So gibt es fast keinen der von mir Beobachteten, der an einem Schaufenster vorbeigehen kann, ohne hineinzuschauen. Egal, ob jung oder alt, ob Frau oder Mann – sie schauen hinein. Sie suchen aber nicht die angebotenen Waren oder sonstigen Arrangements, nein, sie suchen immer nur sich selbst, ihr eigenes Antlitz. Daher ist es auch egal, ob es ein klassisches Schaufenster ist oder irgendeine reflektierende Fläche, zur Not tut es auch polierter Edelstahl. Doch warum? Die meisten sind nicht so hübsch, dass der eigene Anblick den Tag erträglicher macht – im Gegenteil, die eigenen Blicke sind so gar nicht liebevoll, ja noch nicht mal für sich selbst. Vielmehr wird geschaut, ob das Spiegelbild einem von wem auch immer vorgegebenen Abbild gleicht, es wird nicht geschaut, wer das Ebenbild ist, sondern wer es sein soll. Mit jedem Blick, den das Spiegelbild zurückwirft, wird die eigene Unzufriedenheit größer – was aber keinen der Menschen daran hindert, bei der nächsten Gelegenheit wieder und wieder sich flüchtig zu betrachten. Irgendwann, und das lässt sich auch vortrefflich beobachten, lernen die Schaulustigen und Schaueifrigen, genau so zu schauen, dass sie dem Abbild mehr und mehr entsprechen. Es ist eine große Kunst, zu schauen und dann doch nichts zu sehen, vielmehr nur das zu sehen, was man sich wünscht. Und so gehen die Künstler der Selbsttäuschung an den Schaufenstern der Städte vorbei und schauen und sehen, wie nur sie es können. Manchmal, ganz selten zwar, sieht man Menschen durch die Scheibe hindurchschauen, sie blicken dann auf das, was ist. Was wirklich zu sehen ist. Da es so wenige sind, kennt man sich untereinander – man grüßt sich durch bedächtiges Nicken. Es sind in jeder Stadt nur ungefähr eine Handvoll Menschen. Wenn du mal einem begegnen solltest, dann trau dich ruhig, ihn oder sie anzusprechen. Frage ihn oder sie, wie man sehen lernt. Er oder sie wird dir wie selbstverständlich helfen und dir zeigen, wie du durch die Reflexionen der spiegelnden Schaufenster hindurchschauen kannst. Was du dann siehst, was du dann oft sehen wirst, ist Staub und Dreck, Schmutz, liebevoll auf der Auslage verteilt. Kannst du den Staub sehen? Dann bist du vielleicht sogar schon bereit, hinter den Staub zu schauen, denn da beginnen die Geschichten, welche das Leben ebenso schreibt.
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