Denken & Kultur
Komfortzone I
Ein Feuilleton über Denken, Bildung und Kultur
Von Der Levitenleser · 25.10.2026
Vielleicht beginnt es mit dem ersten Nein,...
Vielleicht beginnt es mit dem ersten Nein, mit dem ersten Verbot oder mit der ersten Aufforderung, nun endlich still zu sitzen, gar mit Geboten – dies oder jenes zu tun oder nicht zu tun? Wie viel Rebellion muss in uns sein, damit aus dem mindestens eine Million Mal gehörten Nein ein Ja für sich selbst bleibt? Wie viel Bewusstsein für sich selbst muss übrig bleiben, damit man sein eigenes Leben leben kann? Ein Baby strotzt vor Selbstbewusstsein, es ist randvoll gefüllt mit diesem Elixier. Es sagt: Hier bin ich, ich habe Hunger, füttert mich, ich habe Durst, gebt mir die Brust, ich will schlafen, lasst mich in Ruhe, ich habe eingemacht, macht mich sauber. Anfangs hat es keinen Zweifel, dass das Leben so ist. Doch irgendwann, wenn das erste Nein die Seele berührt, dann kommen leise Zweifel. Es wird versuchen wahrzunehmen, welche Autorität ihm nun sein Anrecht auf volle Aufmerksamkeit entziehen möchte. Vielleicht ist es entscheidend, in welcher Tonalität und Intensität das erste Nein vernommen wird … Ist es ein genervtes Nein oder ein liebevolles, beschützendes Nein? Fährt es dem Geschöpf durch Mark und Bein, fließt mit dem ersten Nein das Elixier des bewussten Seins wie ein Sturzbach heraus oder macht es das Gefäß noch stärker? Ist das erste Nein der Schutz, den das Geschöpf braucht? Sollte das erste Nein nicht der Beginn für ein beschütztes Ja zu sich selbst sein? Sollte daraus nicht die Kraft und die Lust entstehen, sich selbst und die Welt zu erkunden? Doch was, wenn dieses erste Nein nicht beschützend ist, sondern Risse im Gefäß verursacht? Wäre man dann nicht automatisch eingeschüchtert und vorsichtig, eigene Wege zu gehen? Wäre man dann nicht eher anfällig für die Befehle von außen? Denn diese Befehle und Anweisungen von außen würden dann sozusagen eine Pseudohülle um das eigene löchrige Gefäß bauen. Und zwar mit so dicken Mauern, dass es beinahe nicht möglich ist, sein eigenes Gefäß zu reparieren oder gar wachsen zu lassen. Diese Befehle können sehr leicht von Behörden, Sekten, religiösem Wahn oder sonstigen Institutionen und deren Vertretern kommen. Diese Pseudohülle fühlt sich für viele wie ein Schutz an, wie die eigene individuelle Komfortzone, doch sie ist keine – es ist weder Schutz noch Komfort. Ach, und noch eins – hütet euch vor denen, welche das Heil und den richtigen Weg versprechen. Es sind die, welche am lautesten Nein sagen.
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