Politik & Macht
Na dann mal Prost II
Politische Satire über Verantwortung, Macht und bequeme Antworten
Von Der Levitenleser · 5. April 2026
In der Blütezeit von Corona wäre er ein gefeierter Held gewesen, die Menschen hätten gewünscht, dass er Gesundheitsminister werden sollte.
Es ist viel zu früh für einen Besuch der Bar, aber nach der letzten Begegnung war ich doch neugierig. Meine Vorahnung enttäuschte mich nicht: An gleicher Stelle, mit dem gleichen Getränk, saß er da. Mit Karl hatte er sich bei der Verabschiedung vorgestellt. Ohne zu fragen, setzte ich mich neben ihn und bestellte mir ein großes stilles Wasser. Sofort fing Karl an zu reden, als hätte ich die Bar nie verlassen und als wäre unser Gespräch niemals unterbrochen gewesen. Ich gebe zu, es war für einen kurzen Moment irritierend, aber wiederum auch nicht, und so hörte ich ihm zu. Er müsse heute Abend zu Lanz, ob ich die Sendung kennen würde? Ich nickte. Er meinte, die Stimmung in der Bevölkerung würde kippen. In der Blütezeit von Corona wäre er ein gefeierter Held gewesen, die Menschen hätten gewünscht, dass er Gesundheitsminister werden sollte. „Ich war früher ein schräger Vogel, niemand nahm mich wirklich ernst. Gemocht wurde ich nur von denjenigen, welche in mir einen Lobbyisten sahen – denn darin war ich wirklich gut. Aber dann, mit einem Mal, war ich ein gefragter Mann – in jede Talkshow wurde ich eingeladen und meine Meinung war wichtig und von Interesse.“ Heute habe ich kein gutes Gefühl, am liebsten würde ich gar nicht hingehen. „Wie wäre es mit Migräne?“, fragte ich. „Nein, auf gar keinen Fall – dann mache ich doch Werbung für die Reichinnek von den Linken.“ Er weiß genau, wie das Geschäft läuft – selbst die Krankheiten der politischen Gegner darf man sich nicht zu eigen machen, geschweige denn die Gedanken oder Ideen. Was für ein Thema wäre denn heute bei Lanz dran? Es soll über die Aufklärung der Coronazeit gehen. Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören – was wollen denn die Leute? Es war so, wie es eben gewesen ist. Es ist vorbei, und man solle sich auf andere Dinge konzentrieren. Nicht umsonst gibt es doch jetzt einen Krieg nach dem anderen. Ich horchte kurz auf. Er weiß bestimmt mehr, als er gerade bereit ist zu sagen. Er fragte nach meiner Meinung, wie er sich heute bei Lanz verhalten soll. Ich atme tief durch und sage mit ruhiger, aber bestimmter Stimme: „Sagen Sie einfach die Wahrheit.“ Da Karl nichts darauf antwortete, trank ich mein Glas Wasser aus und ging. Am nächsten Morgen sah ich auf dem Cover einer großen Zeitung die Überschrift: „Sonderausgabe Corona – so war es wirklich – ein Minister packt bei Lanz aus“. Überall erstaunte Menschen, die ganze Stadt in Aufregung: Die aufgebrachte Meute skandiert: „Es müssen Köpfe rollen!“ Und dann die ganze Zeit dieses unangenehme Geräusch – oh nein, mein Wecker. „Siri, stopp!“ Bevor ich wieder einschlafe, denke ich noch: Heute Abend gehe ich mal wieder in die Bar.
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