Medien & Sprache
Phänomene I
Satire über Wahrnehmung, Sprache und öffentliche Gewissheiten
Von Der Levitenleser · 15. Februar 2026
Vielleicht hat es der eine oder andere schon bemerkt: Dem Levitenleser scheint der „Small Talk“ ein Phänomen an sich zu sein. Wundert es Sie etwa nicht, wenn sich der Gesprächspartner – scheinbar aus dem Nichts heraus – in etwas verwandelt, das man nur als einen ferngesteuerten Roboter bezeichnen kann?
Vielleicht hat es der eine oder andere schon bemerkt: Dem Levitenleser scheint der „Small Talk“ ein Phänomen an sich zu sein. Wundert es Sie etwa nicht, wenn sich der Gesprächspartner – scheinbar aus dem Nichts heraus – in etwas verwandelt, das man nur als einen ferngesteuerten Roboter bezeichnen kann? Ich kenne so etwas sonst nur aus der Programmierung oder aus einer Excel-Datei, wenn sogenannte Schleifen einprogrammiert sind. In der einfachsten Form sind es „Wenn-Dann-Formeln“. Diese überprüfen lediglich, ob ein Ausdruck einen bestimmten Wert hat, um anschließend einen vorher festgelegten Prozess abzuarbeiten. Übersetzt auf den Small Talk bedeutet das: Taucht irgendwo ein Stichwort auf – selbst im eigenen Wortschwall –, wird ohne weiteres Nachdenken ein Prozess in Gang gesetzt. Sprachlich äußert sich das in der Regel in vorgefertigten Phrasen. Diese Phrasen lassen sich nicht unterbrechen. Es ist unmöglich. Ich habe es bei meinen Gesprächspartnern auf alle erdenklichen Arten versucht. Wenn die Phrase aufgrund eines Stichwortes gestartet wurde, ist sie nicht aufzuhalten. Im Grunde ist genau das das eigentliche Phänomen. Ich staune noch immer darüber, obwohl ich es nun schon seit Jahrzehnten beobachten kann. Ein Beispiel: Der Gesprächspartner stolpert in seiner Erzählung – meist ohnehin belanglose Themen der Kategorie „Wo war jemand im Urlaub?“ oder „Was hat jemand am Wochenende erlebt?“ – über ein Wort, das bei ihm den inneren, unwiderstehlichen Drang auslöst, dem Gegenüber unbedingt erklären zu müssen, wie man dorthin gelangt. Was dann passiert, kann ich mir immer noch nicht erklären. Der Mensch scheint gefangen in einer „Wenn-Dann-Schleife“ und erzählt, ohne es selbst zu bemerken – und ohne dass man gefragt hätte –, wie ein Navigationsgerät im Auto, an welcher Ampel man rechts oder links abbiegen soll. Nach mindestens drei weiteren Abbiegungen und mehreren Runden im Kreisverkehr endet die Beschreibung meist mit den Worten: „Dort, wo früher Karl-Heinz gewohnt hat.“ Wer zur Hölle ist Karl-Heinz? Aber das ist im Grunde nur ein Platzhalter. Karl-Heinz ist oft auch ein Aldi oder sonst irgendein Orientierungspunkt. Nun frage ich mich: Wer merkt sich das? Wer hört da aufmerksam zu? Ich bin es jedenfalls nicht. Bei der ersten Ampel steige ich gedanklich aus. An alle, die mir auch in Zukunft ungefragt einen Weg erklären wollen – zu einem Ziel, das ich noch nicht einmal erreichen möchte – sage ich hier ganz deutlich: Ich werde schon an der ersten Ampel einen komplett anderen Weg einschlagen. Gedanklich steige ich einfach in einen Bus, bei dem ich nicht wissen muss, wohin er fährt. Und dann werde ich euch noch nicht einmal winken, wenn ihr im Augenwinkel immer kleiner werdet.
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