Medien & Sprache
Phänomene V
Satire über Empörung, Medien und öffentliche Sprache
Von Der Levitenleser · 26. Juli 2026
Ich weiß nicht, was schlimmer ist – dieses Gespräch am Nachbartisch zwischen einer Frau und einem Mann oder die Tatsache, dass ich dem Gespräch nun seit zwei Stunden lausche.
Ich weiß nicht, was schlimmer ist – dieses Gespräch am Nachbartisch zwischen einer Frau und einem Mann oder die Tatsache, dass ich dem Gespräch nun seit zwei Stunden lausche. Von mir selbst behaupte ich, dass ich in dem Moment unsichtbar bin, ich also ganz ungeniert starren kann. Nein, ich starre nicht, ich bin mittendrin, alles sauge ich in mich auf – ich fühle mit, antizipiere, rate komplette Antworten im Voraus. Die Gesten und Mimiken überraschen mich nicht mehr – es ist wie ein Film, den ich einfach schneller abspielen kann. Es ist alles schon auf Band, ohne dass die Schauspieler die Szene beendet haben. Es ist ein Spiel, in der Hoffnung, dass doch noch etwas anders sein könnte, als ich vorab aufgezeichnet habe. Nein – das passiert natürlich nicht. Auch bin ich schon nicht mehr überrascht, dass absolut nichts Unvorhergesehenes geschieht. Es gab Zeiten, da habe ich auf den Glitch in der Matrix gehofft – ich war mir sicher, dass sich doch irgendwann die Wahrheit in diesem Wahnsinn offenbart. Dass sich inmitten eines Gesprächs eine Person zu mir umdreht und sagt: „Es tut mir leid, dass Sie sich das anhören müssen, aber wir werden gezwungen, solch einen Unsinn zu reden.“ Es passierte bisher nicht, und es wird wahrscheinlich auch nie passieren. Dennoch lässt mich das Getue, das die Akteure selbst als wirklich schönes Gespräch bezeichnen würden, nicht in Ruhe. Es ist wohl die „Konträrfaszination“, von der der gute alte Roger Willemsen schon zu berichten wusste, die mich wohl immer wieder aufs Neue begeistert. Der Mensch, und erst recht in Interaktion mit einem anderen Menschen, hätte beinahe unzählige Möglichkeiten, ein Gespräch zu führen. Warum tun sie es nicht? Wovor haben sie Angst? Wo sind die Gehirne, die den KIs Paroli bieten sollen? Stattdessen werden vorgefertigte Meinungen ausgetauscht, und das auch noch in endlosen Wiederholungsschleifen. Die einzige Leistung, die es zu respektieren gilt, ist das Vermögen, sich die vorgegebenen und zur Wiederholung freigegebenen Meinungen zu merken. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine kollektive Meinung geben kann, aber in den einschlägigen Informationssendungen der Rundfunkanstalten gibt es seit einiger Zeit Formate, die den Hinweis „Meinung“ enthalten. Wessen Meinung eigentlich – doch nicht diejenige dessen, der die Texte vom Teleprompter abliest? Von wem ist also diese Meinung, die dann im Café von der Frau und dem Mann wiederholt wird? Sollte dies der Glitch in der Matrix sein – machen die das nur für mich, damit ich irgendwann die Meinung auch glaube? Dann sollen sie es mir direkt ins Gesicht sagen, sonst werde ich euch weiter beobachten, ohne dass ihr mich sehen könnt.
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