Da sitze ich nun auf meinem Beobachtungsposten in einem Café in einer beliebigen Stadt. Wir haben seit einer Woche Sommer,...
Da sitze ich nun auf meinem Beobachtungsposten in einem Café in einer beliebigen Stadt. Wir haben seit einer Woche Sommer, man sieht es den Menschen an – sie leiden und stöhnen, kennen sie doch die Fähigkeit des Schwitzens nur aus der Sauna und vom Sport, beides für gewöhnlich zu selten. Sie versuchen, die Strapazen des Schwitzens zu kompensieren: Die Kleidung wird luftig und knapp, nur nicht schöner. Der Kleidungsstil mancher Urlaubsorte dient unmissverständlich als Vorbild – damit kommt die ganze Ungepflegtheit der Menschen zum Vorschein. Abgewetzte Fersen – bei jedem Schritt bröckeln die trockenen Schrunden auf den Bürgersteig. Fußnägel, viel zu lang, ob bemalt oder nicht – das Geräusch, das diese Art Hufe machen, wenn sie mit ihren Krallen über das Parkett kratzen, lässt mich erschaudern. Ich mag den Sommer, ich mag die Tage, die man Sommer nennen kann, ich mag auch die Menschen um mich herum in ihrem Ausnahmezustand – einzig wünsche ich mir ein akzeptables Maß an Ästhetik. Was ist in Gottes Namen mit den Menschen passiert? So rumzulaufen ist kein falsch verstandenes Selbstbewusstsein, es ist, gelinde gesagt, eine Zumutung. Bitte, macht, was ihr wollt, ihr macht es ja sowieso. Aber denkt daran: Alles und jedes, was ihr macht, was ihr zeigt, um etwas zu verheimlichen – alles hat in unserer Welt eine Bedeutung. Jeder Gang, jede Bewegung, jede Geste, jede Betonung eurer Worte – alles hat Bedeutung. Wenn ihr euch also so bewusst oder unbewusst entschieden habt, euch so darzubieten und auf der Bühne des Lebens zu wandeln, dann ist das akzeptiert. Warum es sich lohnt, meinen Beobachtungsposten dennoch nicht zu verlassen? Weil es die wunderbaren Ausnahmen sind, die mich staunen und glauben lassen.
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