Medien & Sprache
Warum die Wessis doch nicht blöde sind.
Satire über Medien, Sprache und öffentliche Debatten
Von Der Levitenleser · 11. Januar 2026
Aber es war eine besondere Zeit, in vielerlei Hinsicht, insbesondere aber der Sprache.
1988, irgendwo im Osten der Republik. Damals gab es dort noch einen souveränen Staat, an eine freiwillige Annexion war noch nicht wirklich zu denken. Im Gegenteil: Es wurde von einer echten Wende geträumt, vom selbstbewussten Souverän – nicht als Teil eines Staates, sondern als Verwirklicher des Staates. Aber das ist eine andere Geschichte. Aber es war eine besondere Zeit, in vielerlei Hinsicht, insbesondere aber der Sprache. Auf dem Höhepunkt der Meinungsfreiheit in der DDR durfte man alles sagen, wichtig war nur, dass man es anderes meinte. Ihr könnt euch wahrscheinlich vorstellen, dass der Levitenleser es gemocht hat. Besser, er hat es geliebt – diese leichte Ironie in der Sprache des Alltags. Dem Gesagten im Augenblick der Verkündung eine separate Botschaft mitzuschicken, was für ein wunderbares Konzept. Schon mit dem ersten Satz in einem Gespräch war einem sofort klar, ob das Gegenüber die Beleuchtung unter der Schädeldecke anhatte oder ob sie schon heruntergedimmt war. Es war umso mehr eine diebische Freude, wenn man bemerkte, dass die Gegenstelle den richtigen Dechiffrierungsalgorithmus auf seiner analogen Festplatte hatte. Im Grunde war dieser Vorgang in etwa so wie eine Einladung in gemeinsame Gedankenräume. Dort wurde dann unverschlüsselt gesprochen, hitzig debattiert, Pro und Kontra in einen Wettkampf geschickt. Zwischendurch lockerte die Ironie die zum Teil aufreibenden Gespräche etwas auf und signalisierte ganz nebenbei, dass wir alle zum gleichen Team gehören. 1990, irgendwo im Westen der Republik. Zaghafte Gespräche, unerträglicher Smalltalk (es muss früher anders geheißen haben, aber wie, fällt mir nicht mehr ein). Unterhaltungen, welche man wortwörtlich so bezeichnen kann. Viele Gespräche waren weit unter der Haltung, welche man eigentlich immer bewahren sollte, eben Unter-Haltung. Und natürlich weit weg von meiner geliebten feinen, sensiblen, manchmal aber auch scharfen Ironie. In den Köpfen meiner Gegenüber gab es keinen Code, der das Gesagte hätte entschlüsseln können. Wie oft wurde ich gefragt, ob ich es ernst meine. Ja, natürlich meinte ich es ernst – aber doch nur die Botschaft dahinter, doch in keinem Falle das Gesagte. Wie kann man nur so blöde sein, solch eine Frage zu stellen, wo doch alles schwarz und weiß, ganz klar und deutlich gesagt wurde. Natürlich ironisch verpackt, was sonst – ist doch ganz normal. Jahre später war klar: Die Wessis sind nicht blöder als andere Bevölkerungsteile. Bekloppte und weniger Bekloppte gibt es in beharrlich konstanter Verteilung überall. 2026, wo es nun in der gesamten Republik im Rahmen der Meinungsfreiheit wieder wichtig wird, die Dechiffriermaschinen zu aktivieren, um in feiner Ironie wieder alles sagen zu dürfen, da beneide ich die damals blöden Wessis, weil sie die Ironie einfach nicht nötig hatten.
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