Ich bin mal wieder auf einem meiner Beobachtungsposten. Am Nachbartisch sitzen zwei Männer, vielleicht schon ein paar Jahre Rentner, gut, aber unterschiedlich gekleidet.
Ich bin mal wieder auf einem meiner Beobachtungsposten. Am Nachbartisch sitzen zwei Männer, vielleicht schon ein paar Jahre Rentner, gut, aber unterschiedlich gekleidet. Der eine bekommt die Kleidung von seiner Frau jeden Morgen auf sein Bett gelegt – sauber und ordentlich, aber ohne jede Leidenschaft, gewöhnlich, vermutlich wie seine Ehe, etwas angestaubt. Der andere sieht aus, als hätte er mehr als ein Leben gelebt. Verbraucht, aber immer noch mit einer gewissen Energie in seinen Gesten, während er spricht. Seine Stimme ist rau, kein Zweifel daran, dass er raucht oder zumindest mal viel geraucht hat. Seine Haut ist großporig und leicht gerötet. Die weißen Haare, etwas zu lang, sind einfach von vorn nach hinten gekämmt, dabei bleiben rebellische Wellen zurück, Überbleibsel von früheren Locken, wahrscheinlich. Eine schwarze Hornbrille und ein Flanellhemd begleiten ihn schon über eine lange Zeit. Es wird wohl keine Frau geben, die ihm die Kleidung jeden Morgen aufs Bett legt. Ich bin mir sicher, dass ich den Mann kenne – obwohl ich mir keine Namen merken kann, gelingt es mir, diesem Mann einen passenden Namen zuzuordnen. Kaum zu glauben, aber ich sitze mit Charles Bukowski gemeinsam in einem Café. Ich versuche, dem Gespräch zu lauschen. Enttäuschung macht sich breit. Es werden der Reihe nach alle aktuellen Themen der Gazetten durchgegangen. Der Klimawandel sei wohl nicht mehr aufzuhalten. Der Krieg in der Ukraine, nein, der Angriffskrieg, so haben sie es ja gesagt. Dann die Bösewichte der Welt: Netanyahu, Trump und Putin. Am liebsten würde ich den Bukowski an den Schultern rütteln und ihn höflich anschreien, dass er doch aufwachen und sich seiner eigenen Texte besinnen sollte. Er sollte schonungslos über alles schimpfen, über den Unsinn in der Welt und nicht die einen als böse und damit die anderen automatisch als gut deklarieren. Es reicht mir, ich stehe auf und gehe zum Tisch der beiden Männer. Ich schaue Charles in die Augen und schreie ihm sein vielleicht bekanntestes Zitat um die Ohren: „Das Problem mit dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Zweifel sind und die dummen so voller Selbstvertrauen.“ Charles schaut mich an, seine Augen werden feucht, er schluckt. Bevor er etwas sagen kann, drehe ich mich um, bezahle meine Rechnung, gehe in den nächsten Buchladen und halte ein wenig später ein Buch von ihm in den Händen.
Mehr aus Gesellschaft